TERRA.NOVA Landschaftsarchitektur München
Verfasser: Peter Wich
Mitarbeiter: Eva Greimel, Marion Schiffer, Marija Debeljak, Magdalena Schmidkunz
Fachplaner:
Die Planungsidee für den Alten Markt
STRASSENGEFLECHT und ALTSTADTHERZ
Der Alte Markt gewinnt als Herzstück der historischen Innenstadt seine ursprüngliche Bedeutung als zentraler Stadtplatz zurück. Dementsprechend wird das derzeitige Ungleichgewicht der westlichen und östlichen Platzränder harmonisiert, so dass die eigentliche Platzfläche wieder zentral im Stadtraum zum Liegen kommt. Ermöglicht wird dies zum einen durch die funktionale und gestalterische Zurücknahme der Erschließungsfunktion, zum anderen durch die Führung des Platzbelages von Gebäudekante zu Gebäudekante. Hierbei spielt die Ausdehnung der historischen Kernstadt bis hin zum strukturell im Stadtgrundriss noch heute gut ablesbaren ehemaligen Stadtmauerverlauf eine zentrale Rolle. Idealtypisch wird demzufolge das Geflecht der Straßenräume beginnend am Mauerring nach innen bis hin zur zentralen Platzfläche des Alten Marktes in einer einheitlichen Materialität geführt. Hierdurch entstehen am Platz großzügige Vorflächen, die die funktionalen Erfordernisse wie Erschließung, Anlieferung und Feuerwehr abbilden. Als Material wird das ortstypische Segmentbogenpflaster mit gesägt, geflammter Oberfläche vorgeschlagen, in Bereichen mit Befahrung in gebundener Bauweise. Durch das allseitige Hereinführen eines homogenen Stadtbodens wird die angestrebte starke Vernetzung mit den an den Platz angrenzenden, öffentlichen Räumen der Altstadt unterstrichen und das Stadtherz wird auf selbstverständliche Weise zum lebendigen Mittelpunkt der Altstadt. Konsequenterweise folgt die Gestaltung der Hindenburgstraße bis hin zum ehemaligen Judentor dem übergeordneten konzeptionellen Gestaltduktus. Ein großes „Lichtor“ markiert hier, wie in gleicher Weise am ehemaligen nördlichen Stadtausgang, dem Markttor den Übergang zu den ersten Stadterweiterungsflächen außerhalb der Kernstadt. Ersichtlich ändert sich ab hier die Stadtstruktur und die öffentlichen Räume erhalten dementsprechend eine eigene Gestaltsprache.
Begrünung
Die zentrale Fläche des Alten Marktes erhält innerhalb des umlaufenden Rahmens aus großzügigen Natursteinplatten eine eigenständige Pflasterung. Entsprechend der Platzdimension wird hier im Gegensatz zu den angrenzenden Vorflächen ein Großsteinmaterial aus Granit in drei Farbnuancen als wilder Verband vorgeschlagen. Unterstrichen wird dieses Alleinstellungsmerkmal zudem mittels der starken Durchgrünung mit klimaresilienten Zukunftsbäumen. Ein grüner, schattenspendender Hain mit unterschiedlichstem Blattwerk wird zur identitätsstiftenden Besonderheit der neuen Mitte. Auch räumlich prägen die Bäume die zukünftige Atmosphäre und stehen für ein großzügiges zeitloses Gegenüber zur rahmenden Altstadt. Der Wechsel von offenen, besonnten Flächen und schattigen Rückzugorten gewährt ein hohes Maß an Flexibilität und Nutzbarkeit. Auf diese Weise kann es gelingen die derzeit stark dominierende Gastronomie in einen übergeordneten Kontext zu stellen und auch multifunktionale Flächen für Feste, Märkte, etc. zu schaffen. Diese werden im südlichen Platzbereich im Übergang und direktem räumlichen Bezug zum Kirchhof und der City- Kirche angeordnet. Hier liegt auch die Hauptattraktion des Platzes. Eine flache, begehbare Wasserscheibe (Himmelsspiegel) mit unterschiedlichen Wasserereignissen wie Sprudlern, Fontänen, Nebeldüsen, etc. sorgt in den warmen Monaten für Abkühlung und Spielwert. Im Sommer wie Winter kann diese überdeckt z.B. als Bühnenbereich oder Fläche für den Weihnachtsmarkt genutzt werden. Den Wochenmarkt schlagen wir vor in direkter Nähe zur Markthalle am Kapuzinerplatz zu organisieren. Wahlweise ist eine Aufstellung im südlichen Marktplatzbereich möglich.
Gastronomie
Die Außenflächen der gastronomischen Einrichtungen am Platz bestimmen derzeit sehr (zu) stark dessen Erscheinungsbild. Deshalb ist eine gestalterische Auseinandersetzung unabdingbar. Entgegen der bestehenden undurchlässigen rigiden Anordnung schlagen wir vor zunächst beiderseits des Platzes auf gleiche Weise entlang der Fassaden zusammen mit einem Konzept für Markisen einen Teil der Gastronomieflächen anzuordnen. Die restlichen Flächen werden locker unter den Bäumen verteilt. Pro Betreiber erfolgt eine bestimmte farbliche Codierung, die sich innerhalb eines fein abgestimmten Spektrums gedeckter Farben bewegt. Die kommerziellen Flächen ordnen sich so in das Gesamtgestaltungskonzept ein und lassen genügend Raum für nicht kommerzielle Nutzungen und multifunktionale Platzbereiche. Die mobile Begrünung der Gastroflächen erfolgt einheitlich nach einem übergeordneten Konzept. Windschutzeinrichtungen sind hierbei nicht vorgesehen.
Zum generieren von ausreichenden Freisitzflächen bei gleichzeit hohem Begrünungsanteil wird ein Teil der Bäume mit einer überdeckten Baumscheibe ausgeführt und mit für Überpflasterung besonders resistenten Bäumen wie Platanus acerifolia „Tremonia“ (schmalkronige Platane) bepflanzt. Die restlichen Baumstandorte werden zur Auflockerung der Platzfläche üppig begrünt.
Auszug aus der Beurteilung durch das Preisgericht
Konsequent strukturieren die Materialwechsel an den historischen Toren die Zugangssituationen. Das im Bestand vorgefundene Pflaster bildet als durchgehendes Material die Zusammenhänge der Altstadt baulich ab. (…) Gewürdigt wird die städtebaulich souveräne mittige Anordnung des zentralen Platzraums am Alten Markt. Entlang der Fassade verlaufen befestigte, baumfreie Erschließungszonen, so werden die westliche und die östliche Platzkante aneinander angeglichen. (…)
Auf der gesamten inneren Platzfläche wird eine Vielzahl an mittel- und großkronigen Bäume geschickt gesetzt. Vorhandene Bäume, Blickachsen, Durchwegung und Korridore mit Leitungen werden dabei beachtet. Die Einbindung der angrenzenden Gassen, Plätze und Waldhausener Straße gelingt aufgrund der klaren Struktur leicht. Die für Events bodengleich abdeckbare Wasserscheibe im südlichen Bereich des Platzes und die Baumstellung, die dort bewusst für Veranstaltungen aufgelockert ist, wird von der Jury als wichtiger Baustein gesehen, um die Idee Baumplatz mit den hohen Nutzungsanforderungen für Events übereinzubringen. (…)
Der Entwurf weist herausragende Entwurfsqualitäten auf und entwickelt eine hohe Raumqualitäte. Am Alten Markt zeigt die Kombination von befestigtem Grund und hoher Baumhalle eine zukunftsweisende Möglichkeit auf. Dennoch können nicht sämtliche verkehrlichen und funktionalen Anforderungen in höchster Qualität aufgelöst werden (…).“


